Wenn man in Liepaja ist, gehört auch ein Besuch des nördlichen Stadtteils Karosta unbedingt ins Programm. Wir hatten schon einiges darüber gelesen und wollten uns heute unser eigenes Bild machen. Mit dem Fahrrad ist die räumliche Distanz schnell überwunden.
Karosta ist ein einzigartiges historisches Gelände, welches Zeugnis ablegt von militärischen Aktivitäten aus mehreren Epochen und unter verschiedenen Machthabern. Erbaut wurde es im zaristischen Russland als Stützpunkt der Kriegsflotte, genutzt wurde es als größter Kriegshafen auch vom sowjetischen Militär.
Wir tauchen ein in ein extrem widersprüchliches Gefüge aus verfallenen Backstein- und Industriebauten, Architektur aus der Zarenzeit, schmuddeligen und desolaten Plattensiedlungen aus Sowjetzeiten und verfallenen militärischen Bunkern an der Küste. Mittendrin – wie zum Trotz alles überstrahlend – die russisch-orthodoxe Marinekathedrale St. Nikolaus, der höchste Kuppelbau im Baltikum. Man ist fast geblendet von den vergoldeten Zwiebeltürmen des Prachtbaus, die sich in der Sonne spiegeln, wenn sie nicht mitten zwischen hässlichen und verwohnten Plattenbauten stehen würde. Ich bin im Zwiespalt: sollen die desolaten Häuser mit aufs Foto? Ich entscheide mich dafür, gehören sie doch ins aktuelle Stadtbild.
Mit etwas gemischten Gefühlen sind wir zur wohl berüchtigtsten Sehenswürdig von Karosta, dem Gefängnis, gefahren, welches zu Zaren- wie auch Sowjetzeiten von den Machthabern genutzt wurde, Menschen wegzusperren und zu foltern.
Heute bietet es den Besuchern recht fragwürdige Attraktionen an wie zum Beispiel Gasmasken tragen, zum Verhör beim Chef der Hauptwache antreten oder eine Nacht in einer Zelle verbringen.
Wir verzichteten auf eine Führung im Befehlston und begnügten uns mit dem äußeren Anblick, der auch schon verstörend genug ist. Die gesamte Darstellung ist uns zu undifferenziert und zu kommerzialisiert. Alles eine große Show.
Ein wohltuender Ausgleich war dann der Abstecher zum Naturpfad der Zirglu-Insel im Liepajasee.
Für uns geht es morgen weiter Richtung Ventspils.























