Und irgendwie war alles anders …

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Die Norwegentour 2023 kann man mit „Ostsee rund“ vom letzten Jahr nicht vergleichen. Diesmal keine Rundtour, sondern einmal hin und zurück. Losfahren, ohne genau zu wissen, wo der Umkehrpunkt sein wird. Zweiter Unterschied: es gab ein fixes Datum für den Rückweg in Göteborg, der gebuchte Flug nach Berlin am 18.8. Also nicht nur nach Wind und Wetter planen, sondern auch nach dem Kalender.

Die Erwartungen waren sehr hoch: Lässt sich das Glücksgefühl von 2022 noch toppen?

Die Unsicherheiten: Wie weit nach Norden werden wir kommen? Schaffen wir Bergen? Kommen wir mit den Bedingungen an der Westküste Norwegens klar? Was, wenn das Wetter nicht mitspielt?

Tief in mir drin war ganz viel Optimismus: Wir schaffen das. Natürlich kommen wir bis Bergen. Es wird auf jeden Fall SCHÖN.

Vorsichtshalber hatten wir von vornherein etwas mehr Zeit eingeplant, um möglichst viel Puffer für die längere Strecke zu haben.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir sind bis Bergen und sogar noch ein Stückchen weiter bis zum Fjordkysten-Regional- und Geopark gekommen.

Die Reise war geprägt von den verschiedensten Landschaften in Kattegat und Skagerrak, in den schwedischen Westschären, in Norwegens Süden, der Westküste und den Fjorden und zurück über die dänischen Inseln. Es hätte unterschiedlicher nicht sein können und am Ende fühlte man sich etwas überflutet von den vielen Eindrücken.

Die Höhepunkte der Reise lagen definitiv in Norwegen: zunächst die Südküste entlang und dann die Westküste immer weiter nach Norden mit immer größeren Bergen und Schluchten.

Durch Fjorde zu segeln war eine ganz neue Erfahrung und noch fantastischer, als wir uns das vorgestellt hatte. Insbesondere das Zusammenspiel von tiefem Wasser und hohen Felsen mit Licht und Schatten hat uns stark beeindruckt und zum „Dauer“-fotografieren verleitet. Und es geht nichts über Schwimmen im smaragdgrünen Fjord bei 1.200 m über Grund.

Die absoluten Highlights waren unsere Wanderungen; da bist du hautnah mit dieser fantastischen Natur verbunden, die du im Schweiße deines Angesichts über steile Felspfade und Moore erobern musst. Die größte Herausforderung war die Wanderung von einem Seitenarm des Hardanger Fjords zum Gletscher im Folgefonna Nationalpark, als es keinen Weg mehr gab und ich ein Stück über meine Grenzen gehen musste.

Auf unseren Wanderungen überraschte uns die Vielfältigkeit der Wildblumen an den Wegesränder und die bunte Fülle blühender Wiesen mit Orchideen, Grasnelken, Glockenheide und vielen anderen Blumen und Gräsern. Sie waren mit Ursache, dass wir generell fast die doppelte Zeit für eine Wegstrecke benötigten als angegeben.

Größere Mengen Blaubeeren gab es leider nur im Norden, und zwar direkt an unserem nördlichsten Punkt der Reise in Leirvik am Sognefjord. Dafür wuchsen dann auf den dänischen Inseln jede Menge riesige Brombeeren.

Bereits in Oslo bekamen wir einen ersten Eindruck von den „hellen Nächten“ mit knapp 20 Stunden Tageslicht. Es ist schon gewöhnungsbedürftig, wenn du nachts mal raus musst und am Horizont die Abendröte nahtlos in die Morgenröte übergeht. Und dann haben wir tagelang darüber nachgegrübelt, was da nachts in unserer Klospülung so hell funkelt, seit wir im Oslofjord unterwegs waren. Das Ergebnis wurde dann gegoogelt: Leuchtendes Plankton – dieses vorher nie gesehene Phänomen begleitete uns dann viele Wochen vor allem in Norwegen.

Seehunde und Delfine zu treffen hat uns jedes Mal aufs Neue in Hochstimmung versetzt. Insbesondere dann, wenn wir ihnen an Orten begegnet sind, an denen wir sie gar nicht vermutet hatten. Zum Beispiel auf einem Felsen oder einer Sandbank mitten in der Fahrrinne zwischen Motorbootgetümmel, dicken Dampfern und Ferienwohnsiedlungen. Oder ein paar Meter hinter unserem Angelköder 😉

Leidenschaftliche Angler werden wir wohl in diesem Leben nicht mehr werden. Der Plan, die Bordkasse durch selbstgefangenen Fisch zu entlasten, ging nicht auf. Eigentlich waren wir immer erleichtert, wenn kein Fisch angebissen hat. Und wenn doch, dann durfte er gleich wieder nach Hause zurück nach dem Motto „der reicht für uns zwei eh nicht…“ 😉

Kultur und Städtetrips kamen auch nicht zu kurz, waren aber weniger die kulturellen Highlights als letztes Jahr. Am besten gefallen haben uns kleinere, mit besonderem Charme ausgestattete Orte wie zum Beispiel Risör in Norwegen oder Fjällbacka in Schweden.

Das Softeis in Norwegen hat uns am besten geschmeckt.

Essen im Restaurant ist meistens nicht besser als selbst gekocht, aber sehr teuer.

Die Auswahl an Lebensmitteln in den norwegischen Supermärken haben wir meistens als ausreichend empfunden, obwohl es die Fülle der Angebote wie in Schweden oder bei uns zu Hause nicht gibt.

Vor dem Segeln auf der Nordsee hatten wir ziemlich großen Respekt, schließlich hatten wir hier mit Gezeitenströmungen und raueren Bedingungen zu tun. Zusätzlich dazu die Düseneffekte in den Fjorden oder an engen Durchfahrten zwischen Schären mit hohen Felsen. Wellen und Schwell dürfen nicht unterschätzt und Winddreher müssen immer einkalkuliert werden. Letztendlich haben wir diese Herausforderungen ganz gut gemeistert, auch wenn wir an der einen oder anderen Stelle schon auch „Lehrgeld“ gezahlt haben. Respekt vor der Nordsee haben wir immer noch, Angst keine.

Ein bisschen traurig waren wir am Sognefjord, der uns mit viel Gegenwind und –strömung zur Umkehr zwang. Da bleibt noch eine Rechnung offen …

In den vier Monaten auf See waren wir in einem Rhythmus, der hauptsächlich durch den Wechsel von einem Tag auf See reisen und einem Tag den neuen Ort erkunden bestimmt wurde. Es ist wie eine kreative Unruhe bzw. Spannung, die keinen Alltag aufkommen lässt, aber auch anstrengend sein kann. Teilweise erschwert durch widrige Wetterbedingungen, insbesondere an der Westküste Norwegens.

Die „Seele baumeln lassen“ konnten wir in den Tagen zum Ausklang auf Hiddensee – ohne Wetterbericht, tägliche Törnplanung und eine gewisse Unruhe, was uns als nächstes erwartet.

Die Eingewöhnung zu Hause brauchte, ähnlich wie letztes Jahr, zwei-drei Wochen, aber jetzt hat uns der Alltag wieder. Unsere Katze Lilli ist nach anfänglicher Verunsicherung und Misstrauen (Bleiben die jetzt hier?) wieder bei uns eingezogen.

Danke, liebe Friedlinde und lieber Hans-Joachim, dass ihr euch während unserer Abwesenheit so liebevoll um Lilli und um Haus und Garten gekümmert habt.

Ob wir jetzt genug haben? Mit Sicherheit nicht, denn bereits während der Rückfahrt geisterten Ideen für die Tour 2024 durch unsere Köpfe. Recherchefutter für den Winter.

Statistik:

Gesamtstrecke 2.250 Seemeilen, davon ca. die Hälfte gesegelt
Dieselverbrauch rund 400 Liter

Gesamtzeit: 119 Tage unterwegs, davon 21 Tage geankert